3.Juli: Alpinklettern am Pizzo del Prevat (oder: Wer ist Heike Orck?)

Achtung: Via degli Scoiattoli ist abgestuerzt! has collapsed in a rockfall! est disparu!

Wegen Altschnee und Wetter wird das als kombinierte Hochtour ausgeschriebene Wochenende zum Alpinklettern umfunktioniert. Die Idee Pizzo del Prevat (2558m), „Matterhorn des Tessin“, kommt von Markus: wundervoller, steiler Zahn aus bestem Gneiss, suedlich des Valle Leventina.

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Am Samstag war warmklettern vorgesehen. Wir – Markus Melzer, Alex Pluess, Moritz Maurer, Phil Mader – suchen uns ein plattiges Revier im Valle Leventina aus. Doch der Wetterbericht irrt: ab Airolo regnet es nur, so brechen wir nach etwa einer Stunde das recht nasse „Trockentraining“ ab, finden aber eine kleine Kletterhalle im nahen Quinto, von einem Verein betreut. Dort kann man gegen 8 Franken ueberraschend lange Routen im Trockenen klettern – vorausgesetzt, es kreuzt jemand mit dem Hallenschluessel auf. So kommen wir wenigstens zu unserem Aufwaermklettern.

Beim Zusammenpacken auf dem Parkplatz zwecks Gewichtsparen das Material koordiniert, die Routen nochmal besprochen. Irgendwer sagt: „Hikr org sagt, die Route ist gut eingebohrt…“. Der Autor dieser Zeilen, geistesabwesend, fragt perplex zurueck: „Hae? Wer ist Heike Orck??“ – Lacher rundherum; so entsteht das erste gefluegelte Wort des Wochenendes.

Vom Parkplatz in Fiesso-Rodi sind es 900HM zur Capanna Tremorgio; leeres Schlaflager, warme Dusche und hervorragende tessiner Kueche (primo piatto, secondo, usw.). Sehr angenehme Huette! Die naeher am Pizzo del Prevat gelegene Capanna Leit war im Vorfeld ausgebucht.

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Phil, Alex, Markus, Moritz

Am Sonntagmorgen sehen wir, warum. Nach gut 1,5 Stunden Aufstieg und Materialdepot wird klar: da sind viele Leute unterwegs. Wir wollten den als Klassiker geltenden Nordost-Pfeiler („Spigolo NE“ 5c) machen, doch auf diesen Stau haben wir keine Lust. Es reihen sich italienische Dreier-Seilschaften aneinander, alle scheinbar gefuehrt … das kann den ganzen Tag dauern. So weichen Markus und Moritz nach links aus in die Ostwand („Parete Est“ 5b+) ab, Alex und Phil nach rechts in die Via degli Scoiattoli (5c+).

Im Plaisir-Fuehrer Tessin hat das Topo einen Hinweis „Achtung! Felssturz im Jahr 2012“ (Pfeil zeigt auf die 6. SL), sie wird aber weiterhin als „Wenig begangene, gemuetliche Route“ beschrieben. Gar nicht abgeschreckt, machen wir uns auf, der erste Stand kann ungesichert erreicht werden, danach folgt eine zweite SL mit angenehmer, rissiger Platte (5a), und eine elegante dritte SL (5a+) mit kleinem Dach.

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Alex in der 3. SL, Via degli Scoiattoli

Ab dem dritten Stand jedoch verliert sich die Route. Rechts war offenbar der Felssturz (es fehlt schlicht ein Teil des Bergs), die Route muss wohl links sein… Der schimmernde, fleckige Gneiss macht es ohnehin schwer, Haken aus der Ferne zu erkennen. Nach etwa zehn Metern finde ich einen ersten rostigen Normalhaken, einen zweiten ziehe ich einfach heraus. Nur an rostigen alten Haken und ein paar selbst gelegten Keilen gesichert suche ich die Route. Nach etwa 25 Meter, und wieder ca. 5m abklettern, und einem grossen Griffausbruch, gebe ich auf. Das ist zu heikel, und weiterhin ist kein Stand in Sicht. Eine Expresse wird geopfert, an einem einigermassen vertrauenswuerdig scheinenden Schlaghaken wird abgelassen.

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4. SL: Rechts der Felssturz; links geht es nicht weiter

Offenbar ist beim Felssturz 2012 die gesamte Route ab der 4. Seillaenge, vermutlich bis zur 6. SL, verschwunden. Weder der Plaisir-Fuehrer noch „die Heike“ geben entsprechend Auskunft. Daher:

VIA DEGLI SCOIATTOLI EXISTIERT NICHT. NICHT KLETTERN!

Alex und ich seilen ab, wollen den einfachsten Weg auf den Gipfel (SO-Grat, 3a) nehmen, um Markus und Moritz oben zu treffen.

Es zeigt sich, sie sind noch nicht so weit oben. Alex und ich steigen in in den Nordostgrat (5a) ein; bald treffen die Routen aufeinander. (Auch ihre Route, Parete Est, war wohl nicht leicht zu finden; an einer Stelle wurde 5b zu 6a.) Gemeinsam erreichen unsere zwei Seilschaften nach meist angenehmer Kletterei gegen 3 Uhr Nachmittags den Gipfel.

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Blick in die Spigolo NE

Abstieg:

Folgt der einfachsten Route, dem Suedostrat. Im Fuehrer ist von 3x 15m abseilen die Rede. Tatsaechlich gibt es drei markante Steilstufen; dazwischen ist aber auch viel heikles Abkletter-Gelaende. Wuerden wir es nochmal machen, wir wuerden die vollen 50m Doppelseile ausnutzen, und den Grossteil des Weges abseilen.

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Oben angekommen

Ab dem Pass geht es ueber Schrofengelaende zurueck zum Materialdepot. Die Seilbahn ab der Capanna Tremorgio wid genutzt; das Spart 900HM Abstieg. Pizza im Tal: Pflichtprogramm.

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Abseil-/Abkletter-Gelaende

Fazit: Der Pizzo del Prevat ist mit recht ein beliebter Klettergipfel; der Fels ist wunderbar. Allerdings fehlen ganz rechts zwei Routen. „Die Heike“ weiss nicht alles; und der Plasir-Fuehrer verraet nicht alles, was er weiss. Wir erkennen: Auch gut abgesicherte Routen werden zum Abenteuer wenn sie Naturgewalten zum Opfer gefallen sind. Wir haben Glueck und kommen ohne blaues Auge davon.

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