Klettern am Passo di Maniò (10.-11. Sept. 2016)

DSC03520Die Cassina Baggio (rechts im oberen Bild) ist mit seinen Türmen, Schluchten und Graten ein Kletterhotspot im Tessin und wird via Capanna Piansecco angegangen. Weiter Westlich finden sich kleinere und weniger frequentierte Klettergebiete am Passo die Maniò (Bildmitte) und Poncione di Maniò (links). Mit der ersten ÖV-Verbindung sind wir um 9.00 auf der Alpe di Cruina am Nufenenpass angekommen. Im Bus sass mit Adrian Wanner noch ein anderer AACBler, mit 2 Freunden unterwegs zu einer Wanderung im Cristallina-Gebiet. Von der Passstrasse erreichten wir in weniger als einer Stunde den Lago delle Pigne auf rund 2300 m ü.M. Hier konnten wir unser Biwakmaterial deponieren.

IMG_1912

DSC03525Quasi direkt am See erhebt sich der Sperone die Maniò, der eine handvoll Sportkletterrouten beherbergt. Wir stiegen in Panini ein (5c,6a,6a,6a,5c,5b,6a; Absicherung: gut).
Die von den Remy-Brüdern eingerichtete Route ist alpinistisch unlogisch, führt aber durch schönste Felsstrukturen. Alle kniffligen Stellen sind so abgesichert, dass man nie Stress bekommt.

DSC03527

Die lange, anhaltend technische und sehr abwechslungsreiche 4. Seillänge hat es uns sehr angetan. Kurz vor Schluss, in der 7. Seillänge befindet sich die Schlüsselstelle, eine steile Platte, die an einem Riss erklettert wird.

DSC03529

Nach dem Abseilen war die von uns angepeilte Route „Bimbo“ (6b, 4 SL.) gleich doppelt besetzt und so sind wir alternativ in die namlenlose Route auf der anderen Seite eingestiegen (6a+, 3 SL, Absicherung: so…so). Im Führer heisst es „passaggio obbligato esposto molto delicato“, konkret bedeutet dies 3m über dem Haken mit nur einem Seitengriff auf einer Wulst auf Reibung anzutreten und sich hochzudrücken. Es gibt Angenehmeres.

DSC03530

Nach einem ziemlich verpatzten Abseilen mit Seilklemmer und Seillängenmiskalkulation erreichten wir gerade noch in den letzten Sonnenstrahlen den Badesee. Es war ein Genuss, der See mit 16°C für die Höhenlage doch recht mild.

 

IMG_1919

Die Atmosphäre beim Baden war eine ganz Spezielle, tobte doch weiter unten im Tal in Airolo ein heftiges Gewitter. Angesichts des sich anbahnenden Wetterwechsels war das Zelt schnell aufgebaut und simultan dazu der Kocher angeschmissen. Schliesslich kam das Gewitter doch nicht näher und wir konnten in aller Ruhe noch draussen essen. In der Nacht gab es einen kurzen Regenguss, doch schon bei Tagwache war der Fels wieder annährend trocken.

IMG_1925

Für den Sonntag hatten wir uns den Klettergarten am Passo di Manió ausgesucht. Der Zustieg folgt einem mit Steinmännli markierten Pfad durch Schrofengelände und Geröll hoch auf 2600 m ü.M.

IMG_1959small

Hier oben sollten wir den ganzen Tag die einzigen Kletterer sein. Zuerst stiegen wir in die Route „Chiappe tuonanti“ (5c,6b+,4c,6b, Absicherung: gut) ein. Es erwartete uns beste Granitkletterei und eine knifflige Rissverschneidung zum Gipfel.

Beim Abseilen haben wir nebenbei noch ein paar Alpinwanderer aus der Sackgasse geholt. Diese haben sich auf dem Zustieg in den Pass auf den Gletscherschliffplatten verstiegen und waren gefährlich blockiert. Von oben herab, sowohl in Ton wie topographisch, habe ich sie zurückgepfiffen. Die richtige Route folgt einer Rampe am östtlichen Rand des Tals, entlang der Einstiege zu den Kletterrouten (siehe Foto unten). Leider war das Steinmannli von unten kaum sichtbar, was ich dann noch versucht habe zu ändern. Schliesslich will das Steine schleppen geübt sein für den Frondienst. Wenig später wollten hier auch zwei ältere Herren hoch. Ziemlich ausser Atem aber voller Tatendrang erzählte der eine, dass er, 80-jährig, nach 50 Jahren nochmals den Maniò  besteigen wollte. Allerdings scheiterte er quasi 20 Meter später an einer kurzen Kletterstelle, die er dann aber dank meiner Schulter ersteigen konnte. Ob die beiden je wieder runterkamen? IMG_1932Beim Lunch bestaunten wir den Riss direkt vor uns, der durch diese makellose und senkrechte Granitplatte führte. Ob wir da wohl hoch kommen? Die Route heisst „Dune mosse“ (6b, 30m, Absicherung: super, 16 Express -> brauchte ein bisschen recycling). Jeder der 30 Meter muss man sich verdienen, zuerst den Riss mit Yosemite-Klemmtechnik, dann eine drückende, atletische Wand, dann eine knifflige Platte an den finalen Überhang.

IMG_1939

Mit Ausnahme der einfachsten Route sind alle in dem Gebiet mit 4 Sterne bewertet. Wir finden: Passt!

IMG_1945

Unter kritischem Blick zweier Steinböcke und mit den letzten Kräften wurde noch „il volo della fernice“ (6b, Absicherung: super) gerissen und dann waren wir beide ausgepowert und reif für den See.

IMG_1961

IMG_1968

Nach dem erfrischenden Bad wurde alles zusammengepackt. Von der Alpe Cassina Baggio sind wir auf unmarkiertem, aber in der Karte eingezeichnetem Weg direkt nach All’Aqua abgestiegen. Weil dieser wohl eher selten begangene Pfad derart von Heidelbeeren und weiter unten im Wald von Himbeeren gesäumt war, hätten wir beinahe noch das angepeilte Postauto verpasst.

DSC03521

Umbieter & Text: Claudio Cadel
TN: Thomas Julou

Schreibe einen Kommentar