Klettersteig Daubenhorn (3. – 4. August 2019)

Es war ein kaltes Winterwochenende, als uns beim Kartenspiel die Idee kam Jens` Abschied und meine Ankunft in der Schweiz mit der Besteigung des Daubenhorns zu zelebrieren. Ein Wochenende im Juni schwebte uns damals vor. Die Zeit rückte näher und schon bald wurde ersichtlich, dass der Winter diesen Jahres zu lange auf Pässen und Gipfeln hängen geblieben war, um die Besteigung im Juni anzugehen. Da erreichte uns Georg´s Angebot, als hätte er es geahnt. Am ersten Augustwochenende, zwei Monate später, stiegen wir also in den längsten Klettersteig der Schweiz ein.

Zwei Tage planten wir für unsere Tour. So konnten wir am Samstag ganz gemütlich in Kandersteg anreisen. Per Wanderschuh und Seilbahn führten uns die Wege hoch zum Sunnbüel, von wo wir nun gemeinsam über die Hochebene der Spittelmatte spazierten. Bei einer Pause am Daubensee ließen wir unseren Blick über die Gipfel des Rinderhorns, des Wildstrubels und auch des Daubenhorns schweifen.

Das Ziel für den nächsten Tag

Wenig später schon kamen wir am Hotel Wildstrubel an. Ehemalig eine kleine Berghütte, entwickelte sich der Standpunkt auf dem Gemmipass innerhalb von 100 Jahren zu einem Knotenpunkt für den „Luxus-Bergsteiger“. Die Fotos an den Wänden des Hotels lassen von vergangenen Zeiten nur noch träumen.

Wir bezogen eins der Zimmer, sammelten beim Z´Nacht und Z´Morge Kräfte und legten 7:30Uhr am Sonntagmorgen unsere Wanderfinken und den Rucksack an.

Der Einstieg zu der Hauptroute des Klettersteigs befindet sich etwa 200 Höhenmeter unterhalb des Hotels. Unsere Ohren vernahmen ein kollektives Karabiner-Läuten. Auf einer kleinen Wiese versammelten sich einige Bergsteiger. Klettergurte in allen Formen und Farben wurden aus dem Rucksack gezogen und schon konnte der Spaß beginnen.

Inspektion der Route

An 2000 Meter Stahlseil und insgesamt 200 Meter langen Leitern führte uns der Weg vorbei an der „Gemsfreiheit“, wo ein zweiter Wanderweg von Leukerbad sich mit dem Unseren verband. Die Höhe war beim Erklimmen der Leitern schnell vergessen.

Eine kleine Überraschung unterwegs

 

Eine der vielen Leitern auf dem Weg nach oben

Haben wir einmal genug Luft unter den Füßen, so spüren wir kaum den Unterschied zwischen 100 und 900 Metern vertikaler Felswand. Auch ein Brücke aus nur zwei Stahlseilen über eine tiefe Schlucht stellte nun kein Hindernis mehr da. So konnten wir dem Rufen der Alpendohlen, dem Plätschern des Wassers und dem Einklicken der Karabiner lauschen.

Jens und die Wand

 

Saskia bei der Brücke

Eine der schönsten Stellen des Klettersteigs war die Passage einer Höhle. Um uns wurde es dunkel, Wasser tropfte von der Decke, Laute und Stimmen reflektierten sich an den Wänden zum Echo. Gespannt traten wir ein, klitschnass kamen wir heraus. Ja, auch einen kleinen Wasserfall gilt es hier zu erleben.

Unsere Kleider trockneten geschwind. Weiter ging´s hinauf. Noch eine Pause mit der Alpendohle, durch den Tunnel geschlüpft und schon blickten wir dem Ziel ins Auge.

Besuch bei der Brotzeit

Zweite Höhle kurz vor dem Ziel

Am Gipfel angekommen ereignete sich der wohl ungewöhnlichste Moment. Die Schokolade war schnell mit dem Unbekannten neben uns getauscht und ungefähr genauso schnell wandelte sich der Unbekannte zum Bekannten. Dort stand Lori nun zum 26. Mal in seinem Leben auf dem Daubenhorn. Unsere Namen waren uns beiden aus Nachrichten bekannt, die wir vor zwei Jahren gewechselt hatten. Die gemeinsame Leidenschaft zur Medizin und nun auch das Daubenhorn schuf eine Verbindung zwischen uns zwei Menschen.

So konnten wir nun glücklich absteigen und unseren Freunden, wie nun auch euch, die Geschichte einer Begegnung erzählen.

9 Stunden sind wir insgesamt unterwegs gewesen. Ausgang- und Endpunkt war die Bergstation der Seilbahn bzw. das Berghotel Wildstrubel. Der Klettersteig wird mit K5-6, als extrem schwer, eingestuft. Alpine Erfahrung, Helm, Klettersteig-Set und trockenes Wetter sind nötig.

Georg, Jens und ich verabschiedeten uns im Zug mit einem Kartenspiel – wie hätte es anders sein sollen.

Ein Bericht von Saskia Lindau.

Wenn du eine Wand durchsteigst,

in vertikaler Lage,

ist die Findung zu sich selbst,

gar nicht mal so vage.

Spürst du doch mit jedem Meter,

der dich hoch zum Ziele bringt,

du lebst jetzt und nicht für später,

was wie eine Weise klingt.

Kein zweifel der dich hält,

kein Mut der je verzagt,

nur Kraft und Willen, deine Welt,

gewinnen kann, wer wagt.

Und dann den Gipfel wohl erreicht,

fügt alles sich zu Einem.

War es Schicksal? Möglich. Vielleicht.

Die Saat beginnt zu keimen.

Berlin, August 2019

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