Skihochtour Haute Route – Grande Lui-Variante (27. März 2016)

(Die Tour wurde nur für sehr Erfahrene angeboten und fand über Ostern 2016 statt. Umbieter und Tourenbericht: Phil Mader)

GPS-Track und von Claudio publizierte Route: https://www.gps-tracks.com/la-grande-lui-haute-route-aac-basel-variante-skitour-E06403.html

Wir wählen die Grande Lui & St. Bernard-Variante: Chamonix-Zermatt per Ski „by fair means“. Die Ski werden nur abschgenallt, um zu schlafen oder mit Steigeisen weiterzugehen. Es war insgesamt ein spannendes, atmosphärisches Unterfangen mit kniffligen Schlüsselstellen und einmalig grossem Ambiente; zudem sehr schöne Hütten. Für die AAC Basel-Gruppe, die am 25. März in Chamonix startete, zeigte sich warum die Haute Route ein Klassiker schlechthin ist.

DSC00304 (800x533)

Von links: Claudio, Markus, Phil, Thomas, Hanna, Carl, Marco (Seb fehlt)

(Tag 1) Die einzige mechanische Hilfe, die wir nutzen, ist zu Beginn: die Grands-Montets-Seilbahn, von Argentiere hoch auf 3295m. Leider ist schon der Start grau in grau. Die Abfahrt zum Glacier d’Argentiere schüttelt (kontrastlos und mit riesigen Windgangeln) alle Gelenke durch. Den breiten Talgletscher in zwei Seilschaften überquerend geht es anschliessend hoch zum Col du Chardonnet (3321), der ersten Schlüsselstelle: Bei eisigem Wind muss hier auf der Rückseite durch ein langes Couloir 80m (ca. 45 Grad steil und nur eine Skilänge breit) abgeseilt werden, mit Ski an den Füssen und Gepäck auf dem Rücken. Zum Glück sind wir alleine; bei mehr Andrang könnte das lange dauern. Danach ein zweites Col (Fenetre de Saleina, 3261), und schliesslich im Blindflug – teils am Ende der Kräfte – Trient-Hütte.

DSC00143 (800x533)

Grau in Grau der Aufstieg vom Glacier d’Argentiere

DSC00168 (533x800)

Heikles Abseilen und Abklettern vom Col du Chardonnet

(Tag 2) Ein Traumtag: Start bei Sonnenaufgang, windstill, zuerst gemächlicher Aufstieg bis vor die Aiguilles Dorees, dann Abfahrt in den riesigen Kessel des Galcier de Saleina. Dort heisst es wieder anfellen, aufsteigen zum Col de la Grande Lui, die letzten ca. 50m in steilem Schnee und Eis mit Pickel und Steigeisen hoch. Danach kommt ein einfacher Anstieg zum ersten Gipfelerlebnis der Tour: die Grande Lui (3509). Kaiserwetter, Bombenstimmung, Viertausender rundherum, und fast 2000m Abfahrt nach La Fouly warten mit traumhaftem Firn. Nach etwas Bier und Stärkung muss aber noch die Zielgerade, ein flacher Aufstieg nach Ferret ins einfache Hotel „Col de Fenetre“, ertragen werden.

DSC00195 (800x533)

Früh am Morgen auf dem Trient-Gletscher

 

DSC00249 (533x800)

Abfahrt zum Glacier de Saleina – rechts die Wand der Aiguilles Dorees

20160326_104032 (450x800)

Steil hinauf zum Col de la Grande Lui

DSC00335 (800x533)

Carl gibt Gas

(Tag 3) Wie wir wissen wird das Wetter wird die nächsten Tage schlechter werden. Heute aber bleibt das Wetter anfangs noch gut bei Föhn, zumindest während des steilen, gefroren-rutschigen Aufstiegs in Richtung Col de Fenetre. Kurz vor dem Col beschliesst ein Teil der Gruppe, einen Extra-Gipfel mitzunehmen: die (wie sich herausstellt traumhafte) Gratüberschreitung führt zur Pointe de Drone (2890). Danach findet sich allerdings keine einfache Abfahrtsmöglichkeit, und so wird es für manche leider noch ein langer Tag, dank Gegenaufstieg zum St.-Bernhardshospiz. Dort warten die grosszügigen Duschen und das reichliche Essen der Mönche – es ist Ostersonntag.

20160327_141713 (800x450)

Kletterstelle am Gipfel der Pointe de Drone

(Tag 4) Auch wegen der anhaltend schlechten Wetterprognosen entschliessen sich zwei Mitglieder der Gruppe zum Abbruch und der Abfahrt nach Bourg St. Pierre. Die anderen Sechs gehen weiter. Nach frühmorgendlicher Abfahrt entlang der St. Bernhard-Passstrasse kommt der Aufstieg zum Croix de Tsousse (2830). Immer wieder ist der Schnee pickelhart; Harscheisen und zuletzt Steigeisen und Pickel müssen wieder raus. Dafür wartet nordseitig unerwartet traumhafter Pulver. Beim langen Aufstieg zur spektakulär gelegenen, rustikalen Valsorey-Hütte kommt auch die Sonne wieder heraus.

DSC00483

Die letzten Meter zum Croix de Tsousse (Marco & Carl)

20160328_160909 (800x450)

Erleichtert nach dem Anstieg zur Valsorey-Hütte (Carl & Claudio)

(Tag 5) Bekanntermassen ist der Aufstieg von der Valsorey-Hütte zum Plateau du Couloir (3658) durch die ausgesetzte, lawinengefährdete Südflanke des Grand Combin (4314) die Crux der ganzen Tour. Nicht zuletzt deswegen lassen geführte Gruppen diese Etappe meist aus und kürzen per Verbier (Taxi und Seilbahn) ab. Wir nicht. Mit etwa einem Dutzend Mitstreiter (inklusive zwei waghalsiger junger Spanier) bahnen uns durch 20cm Neuschnee durch die Südflanke des Grand Combin, die schlussendlich über 45 Grad steil wird. Ein Abrutschen wäre wohl fatal! Oben angekommen, weht ein eisiger Föhnsturm (der allerdings gutes Wetter bringt) uns fast weg. Nach kurzer Abfahrt und Gegenaufstieg zum Col du Sonadon (3504) erwarten uns dann 1400m Abfahrt bei traumhaftem Neuschnee (nur den Weg nicht verlieren – Absturzgelände!). 1400 Höhenmeter „first tracks“ auf der Haute Route – wer hätte das gedacht? Wir wählen den Weg durch den „Canyon“ am Ende des Gletschers; ein Geheimtipp und Skigenuss pur, der mit nur wenigen extra-Höhenmetern im Gegenanstieg zur Chanrion-Hütte abgegolten wird. Beim Abendessen zeigt sich: der AACB hatte die Nase vorn, andere Gruppen bereuen, vom Canyon nichts gewusst zu haben.

DSC00627 (533x800)

Föhnsturm-Eisbart-Marco am Plateau du Couloir

DSC00680 (800x533)

Powder-Phil…

DSC00814 (800x533)

Powder-Gruppe…

DSC00830 (800x533)

Powder-Marco…

DSC00928 (800x533)

Powder-Claudio…

DSC01081 (533x800)

… alles Powpow, bis ans Ende des „Canyon“!

(Tag 6) Noch ein letztes Mal haben wir Wetterglück; die Wolken stauen sich an Westhängen und geben immer wieder die Sicht frei. Über den Glacier du Brenay mit seinen riesigen Seitenmoränen geht es zum Pigne d’Arolla (3790); zumindest topographisch der Höhepunkt der Tour. Mitten im Brenay-Gletscher versperren turmhohe Seracs den Weg, aber der steile Eisbruch ist links zu überwinden (wieder Steigeisen und Pickel). Oben muss wegen Nullsicht angeseilt werden. Erst auf dem Gipfel des Pigne zeigt sich der Weststau eindeutig: nach Osten geht es sonnenklar (aber bitterkalt und windig) in die Tiefe, wieder bei Pulverschnee. In der Cabane des Vignettes wird ein letztes Mal der Wetterbericht gecheckt, der nun leider eine eindeutige Sprache spricht: mehr als ein Meter Neuschnee sollen in den zwei folgenden Tagen fallen machen jeden Gedanken daran, die gewaltige Schluss-Etappe nach Zermatt durchzuziehen, zum Wahnwitz. Der Trauer um den kurzfristigen Abbruch der Tour kann nur die lange Pulverabfahrt bis nach Arolla (1986) Abhilfe verschaffen. In Arolla ist also vorerst Schluss. Vorerst.

DSC01124 (800x533)

Den Brenay-Gletscher geht es hoch (Eisbruch in Sicht)

DSC01181 (800x533)

Der Eisbruch muss umgangen werden

DSC01237 (800x533)

Abfahrt (Marco) nach Arolla

Aus diesen sechs Tagen einiges gelernt: Wetterberichte stimmen häufig nicht (ganz). Grosse Gruppen sind kompliziert. Die Haute Route wird häufig unterschätzt („Gletscher-Hatsch“, „Menschenmengen“ – hatten Bekannte vorher geunkt). Aber zumindest die „by fair means“-Variante war kein Kinderspiel. Streckenweise waren wir die einzige Gruppe. Die Route verlangt mit zahlreichen Steilpassagen und Engstellen selbst Erfahrenen ordentlich Schweiss ab. Und sie bietet mit schier endlosen Abfahrten und gewaltigen Ausblicken (zumindest bei den richtigen Verhältnissen) wirklich grossen Alpingenuss. Die „Königin der Skihochtouren trägt ihre Krone zu Recht.

Noch ein paar Impressionen und „Outtakes“:

DSC00187 (800x533) DSC00225 (800x533) DSC00263 (533x800) DSC00341 (533x800) DSC00342 (533x800) DSC00348 (800x533) DSC01089 (533x800) DSC01204 (800x533) DSC01380-2 (750x500)

 

Schreibe einen Kommentar